Ein Geodät in den Spatial Humanities

Interdisziplinarität und Spatial Humanities?!

Als Geodäten sind wir es gewohnt mit anderen Fachdisziplinen zusammenzuarbeiten um ein bestmögliches Ergebnis für beide Seiten zu erzielen. Diese Fachdisziplinen können sehr weit gestreut sein: von Bauingenieuren und Architekten im klassischen Baubetrieb, hin zu Geisteswissenschaftlern wie Archäologen bei der Befundaufnahme oder Historikern zur Hilfe der Deutung historischer Ortsbezüge. Jede dieser Kooperationen stellt beide Seiten vor große Herausforderungen, da diese oft in völlig verschiedenen Welten leben. Aus eigener Erfahrung stellt uns als Ingenieure insbesondere die Welt der Geisteswissenschaften vor enorme Herausforderungen, die es anzunehmen gilt!

Unter Spatial Humanities verstehen ich und wir am i3mainz mess- und informationstechnische Anwendungen in den Geisteswissenschaften. Dabei liegt der Schwerpunkt in der Erfassung und Verarbeitung raumbezogener Daten, also Anwendungen der Geoinformatik und der geometrischen Objektdokumentation im Umfeld archäologischer, historischer und kulturgeschichtlicher Fragestellungen. “Spatial Humanities” sind als Teilgebiet der im geisteswissenschaftlichen Umfeld angesiedelten “Digital Humanities” (auch “e-Humanities” genannt) einzuordnen. Ich und das i3mainz sehen Spatial Humanities als das Teilgebiet, in dem wir unsere spezifischen, mit dem Raumbezug operierenden Kompetenzen in die Etablierung dieses innovativen Wissenschaftsfeldes einbringen (Quelle: i3mainz).

Als Geodät in Zusammenarbeit mit den Geisteswissenschaften verstehe ich mich selbst als Digital Humanist. Unsere Stärken liegen insbesondere im Bereich der räumlichen Fragestellungen, wodurch der Name Spatial Humanities seine Berechtigung findet.

Meine Erfahrungen

Masterarbeit

In meiner Masterarbeit unter dem Titel „Semantic Web und Linked Data: Generierung von Interoperabilität in archäologischen Fachdaten am Beispiel römischer Töpferstempel“ habe ich erste Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Archäologen des Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz (RGZM) gesammelt. Hierbei handelte es sich um eine bereits existierende Access Datenbank welche unter anderem Töpfer, dessen Erzeugnisse (Terra Sigillata) und die Fund- bzw. Produktionsstätten beinhaltet. Ein gefundenes Fressen zur Erprobung  neuester Web Technologien im Bereich der GIS- Datenbanken und des Web-GIS. Des Weiteren ermöglichen aktuelle Web-Technologien des Web 3.0 (sog. Semantic Web) den Austausch von Daten in interoperablen Formaten (hier: RDF). Die Umwandlung geschützter Daten in einer Desktop Access Datenbank hin zu im Internet unter einer HTTP Adresse verfügbaren Datensätze, ist ein erster Schritt zu einer weltweit vernetzten Dateninfrastruktur, welche den gesamten Geisteswissenschaften die Möglichkeit bietet, mit Hilfe der Rohdaten eigene neue Erkenntnisse zu erzielen. Die Zeit verstaubter Bücher in Bibliotheken, welche nur einem bestimmten Personenkreis zugänglich sind, könnte vorbei sein. Die Spatial Humanities machen es möglich! Die Speicherung der räumlichen Daten in einer PostGIS Datenbank ermöglich zudem räumliche Abfragen und beispielsweise die Bereitstellung dieser als WMS oder WFS.

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Fundorte und Produktionsstätten von Terra Sigillata

AG CAA in Tübingen

Zu neuen Technologien und der Idee der im Web frei verfügbaren Daten (sog. Linked Open Data) in Bezug auf die Archäologie referierte ich auf dem 5. Workshop der AG CAA in Tübingen vor einem Auditorium mehrerer Archäologen. Einer technischen Einführung in die Welt von Linked-Data folgte die Diskussion über das Potential für die Archäologie am Beispiel der verwendeten archäologischen Fachdaten. Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen stellten zudem weitere Forschungsprojekte sowie Abschlussarbeiten vor, die sich mit IT-gestützten Verfahren zur Erfassung und Analyse archäologischer Daten beschäftigen. Insbesondere der darauffolgende Workshop zur Open-Source-Software QGIS 2.0 vermittelte den Teilnehmern einen Eindruck der Funktionsvielfalt von QGIS 2.0, welche über die Grundlagen der Verarbeitung archäologischer Daten mit Geoinformationssystemen hinausgeht.

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Vortrag auf der AG CAA in Tübingen
Kai-Christian Bruhn Lizenz: cc-by-sa 4.0

CAA in Paris

Die weltweite Konferenz von Wissenschaftlern und Experten, deren Forschungsschwerpunkt Computeranwendungen und Quantitative Methoden in der Archäologie sind, die Computer Applications and Quantitive Methods in Archaeology (CAA), fand dieses Jahr in Paris statt. Über 400 Teilnehmer aus der ganzen Welt diskutierten in diversen Veranstaltungen relevante Themenbereiche, darunter Ontologien & Standards, Internet & Archäologie sowie GIS & räumliche Analysen. Die Ergebnisse der Masterarbeit und die Erfahrungen der AG CAA waren im Rahmen der Session „Ontologies and standards for improving interoperability of archaeological data” bestens aufgehoben. Das zugehörige Poster beschäftigte sich mit der semantischen Modellierung historischer Personen und Orte, archäologischer Objekte, deren Verbindungen untereinander, sowie zu anderen im WWW verfügbaren Ressourcen über das Semantic Web und Linked Data. Sehr intensive Gespräche während der Konferenz verdeutlichten hier umso mehr die Notwendigkeit der Nutzung modernster Web-Technologien und Frameworks, sodass die komplexe Modellierung geisteswissenschaftlicher Fragestellungen automatisiert erfolgen kann.

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Die Seine in Paris mit Blick auf den Eiffelturm

Arches Workshop

Die Modellierung archäologischer Fachdaten in einem herkömmlichen Web-GIS kann durch eine Modellierung mittels Graphen erweitert und verbessert werden. Das Framework Arches stellt diese Möglichkeiten zur Verfügung. Das i3mainz beteiligte sich bereits in den letzten Monaten aktiv an der Weiterentwicklung des Systems und ermöglichte den Entwicklern und weiteren Anwendern einen Einblick in weitergehende Implementierungen und Anwendungsfälle. Dies brachte uns eine Einladung des Getty Conservation Institutes und des World Monument Fonds in ein Mannor nördlich von London ein. Ein dreitägiger Entwicklerworkshop mit anderen Geodäten, Informatikern, Archäologen und Experten des Cultural Heritage brachte wieder einmal die Stärke und die Herausforderungen interdisziplinärer Zusammenarbeit zu Tage. Ein sehr, sehr interessanter Workshop!

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Shandish Manor in Apsley nördlich von London

Fazit

Was möchte ich euch mit dem ganzen sagen? Habt Mut zur interdisziplinären Zusammenarbeit! Diese ist nicht einfach und nicht ohne Herausforderungen, aber es macht einen ungemeinen Spaß über den eigenen Tellerrand des Ingenieurs und Geodäten hinauszublicken! Auch wenn die Welten zumeist sehr verschieden sind, eine Zusammenarbeit zwischen Geisteswissenschaftlern und Geodäten in den Spatial Humanities ist zumeist von Erfolg gekrönt!

Quellen und weiterführende Links


Florian Thiery M.Sc. – im September 2014